Freiwillige Feuerwehr Ohlstedt

Das Großfeuer auf der Wohldorfer Schleuse am 15. Juli 1923

    Wohldorfer Schleuse vor dem Brand

In jener Nacht eilte, nachdem sich die Kunde verbreitet hatte, "de Slüß brennt!", alles zur Alster, um nun Augenzeuge eines schrecklichen Unglücks zu werden. Der Sommer des Jahres 1923 hatte eine langanhaltende Schönwetterperiode gebracht, in welcher die Temperaturen bis zu 36 Grad anstiegen. Am Sonntag, dem 15. Juli, zogen im Laufe des Nachmittags drohende Cumuluswände aus Süden, Südwesten und Westen herauf, die sich schnell zu einem schweren Gewitter verdichteten.

Die zahlreichen Ausflügler, die durch das herrliche Sonntagswetter angelockt den Tag an der Oberalster verbracht hatten, versuchten noch schnell nach Hamburg zurückzukehren. Auf den Straßen und auf der Alster herrschte ein für die damaligen Zeiten außergewöhnlich starker Verkehr. Als das Gewitter losbrach, flüchtete man eilig in die nächstgelegenen Lokale.

Blitz und Donner jagten einander. Dann ein ohrenbetäubender Schlag. Die Uhr zeigte wenige Minuten nach 19.45 Uhr. Der Blitz hatte in das Wirtschaftsgebäude des Hotels "Zur Schleuse" eingeschlagen. Das Lokal war dicht mit Gästen besetzt. In ganz kurzer Zeit stand der große Dachstuhl in Flammen. Die im oberen Stockwerk wohnenden Pensionäre mussten, ohne ein Stück ihrer Habe retten zu können, fluchtartig das Haus verlassen.

Die in der Gaststätte anwesenden Gäste bewahrten die Ruhe und leisteten tatkräftige Hilfe bei der Rettung und Bergung des Inventars. Die Duvenstedter Feuerwehr bemerkte als erste den Brand und traf etwa 25 Minuten nach Ausbruch des Feuers an der Schleuse ein. Inzwischen war das Hauptgebäude vollständig in Brand geraten. Jetzt trafen auch die Wehren aus Wohldorf, Ohlstedt und Wulksfelde ein. Die Feuerspritzen traten sofort in Tätigkeit.

Das alles dauerte längere Zeit als heute. Wir müssen uns erinnern, dass damals noch alle Fahrzeuge der freiwilligen Wehren pferdebespannt waren. Als es sich zeigte, welch großes Ausmaß das Feuer annahm, entschloss man sich, die Feuerwehr der Stadt Hamburg zu alarmieren. Es zeigte sich bald, dass dies gar nicht so einfach war. Ein an der Brandstelle anwesender junger Mann wurde daher mit dem Fahrrad zum Wohldorfer Postamt geschickt, um von hieraus telefonisch die Hamburger Wehr zu alarmieren. Das Postamt war jedoch - wie eigentlich nicht anders zu erwarten - verschlossen. Öffentliche und zu jeder zeit zugängliche Sprechstellen gab es noch nicht. Die ursprünglich an Sonntagnachmittagen bestehende Dienstbereitschaft war im Jahre 1919 aufgehoben worden und das Postamt seit 13 Uhr geschlossen. Da der junge Mann nicht wusste, wo die Wohnung des Postmeisters war und keinen Alarm am Postamt schlug, kehrte er unverrichteter Dinge wieder zurück. Kostbare Zeit war vergangen. Auf den Gedanken, dass einige der in Wohldorf wohnenden Kaufleute eine direkte Telefonverbindung mit Hamburg hatten, war niemand gekommen.

Ein bei der Bergung des Hotelinventars helfender Kraftwagenbesitzer musste schließlich in die Stadt fahren, um die Feuerwehr herbeizuholen! Gegen 21 Uhr traf die Hamburger Motorspritze von Zug 11, später der Zug 10 an der Schleuse ein.

Das Feuer hatte zahlreiche Neugierige herbeigelockt, welche die Löscharbeiten behinderten. Daher versuchte der Gutsverwalter Mewes vom Wohldorfer Hof, die Straße nach Duvenstedt mit einem starken Eisendraht abzusperren, um die Schaulustigen abzuhalten. Gegen 21.30 Uhr traf auch der in Wohldorf und Ohlstedt stationierte Polizeiwachtmeister an der Brandstätte ein. Auch er versuchte, das Publikum zurückzuhalten. Er ließ den Zugang zur Schleuse mit Karren und Latten absperren und postierte zwei Feuerwehrleute dorthin.

Während dieser Zeit ereignete sich ein entsetzliches Unglück. Wilhelm Timmermann, der Besitzer des Hotels "Zur Schleuse", berichtet darüber: „Als aber die auf der Schleusenbrücke angefahrene Motorspritze der Hamburger Feuerwehr die Pumpe zum Wasser bringen wollte, lief gleichzeitig die Spritze rückwärts, machte in einer ganz unerklärlichen Weise noch eine Schwenkung rückwärts, durchbrach das ziemlich starke Geländer und stürzte sich überschlagend in die Tiefe auf den Betonboden der Schleusenkammer, etwa fünf bis sechs von den gerade dort stehenden vielen Zuschauern mit sich herunterreißend. Der Benzinbehälter der Spritze explodierte und geriet in Brand.

    Heruntergefallene Motorspritze

Von den mit heruntergerissenen Personen war die junge Frau Meta Schilling, geb. Dunker, die Ehefrau des Butterhändlers Schilling, beim Absturz unter die Spritze geraten und lag mit dem Unterkörper fest, teils im Wasser, teils von den Flammen umzingelt, fortwährend um Hilfe schreiend. Da nun Menschenleben in Gefahr waren, mussten die bisher schon mit gutem Erfolg das Feuer bekämpfenden Spritzen hiervon Abstand nehmen und nun mehr Wasser auf die in der Schleusenkammer liegende Spritze geben, so dass nur noch die Abt. II Wohldorf, welche ein Verteilungrohr angebracht hatte, mit einer Rohrleitung Wasser auf das brennende Haus gab. Nach ca. 1/4 Stunde war der Benzininhalt der Motorspritze soweit ausgebrannt, dass die noch immer lebende Frau nun aus ihrer Lage befreit werden konnte, aber dann auf dem Weg zum Arzt verstorben ist.

Gegen 3.30 Uhr morgens war das Feuer soweit gelöscht, dass die Wohldorfer und Ohlstedter Wehren wieder abrücken konnten. Der durch den Brand angerichtete Schaden war ungeheuer. Von den geretteten Gegenständen war vieles zu Bruch gegangen. Unter der großen Menschenmenge waren leider auch Diebe gewesen, die die günstige Gelegenheit sich zunutze gemacht hatten.“

Während des Winters 1923/1924 wurden die Wiederaufbauarbeiten durchgeführt. Die Architekten Jacob und Ameis aus Wohldorf fertigten die Pläne, und die Firma Carl Crohn aus Duvenstedt führte die Bauarbeiten aus. Am 13. März war der Wiederaufbau beendet. Der Gastwirtschaftsbetrieb konnte wieder aufgenommen werden.